Being Jewish in Poland: “There’s nothing magical or mystical about us”

[Header: “Shalom na Szerokiej” by Bogdan Krezel. English version below]

Die Wochenenden sind im Krakauer Stadtteil Kazimierz immer lebendig: Bar neben Pommesbude neben Kiosk neben Club. Aber der erste Samstag im Juli ist besonders, wenn hier das Jüdische Kulturfestival zu Ende geht. Nach 10 Tagen mit über 100 Veranstaltungen feiern hier rund 20.000 Menschen beim Konzert “Szalom na Szerokiej”.

Ein paar Plakate hängen immer noch an den Litfaßsäulen. In die Nachrichtenfeeds mischen sich neben Fotostrecken vom Festival wieder mehr Artikel über die eher angespannten diplomatischen Beziehungen zwischen Polen und Israel. Grund des Konflikts war ein polnischer Gesetzesentwurf, der die öffentliche Aussage, es hätte polnische Kooperation an der Shoa gegeben, international unter Strafe stellen würde. Die polnische Regierung milderte den Text ab, Israel und Polen verfassten zusammen eine Erklärung. Jüdische Politiker*innen und Historiker*innen warfen ihr Geschichtsrevisionismus vor. Nach weiteren Änderungen verkündete Dina Porat, die Chefhistorikerin der Holocaust-Gedächtnisstätte Yad Vashem in Jerusalem, sie “könne mit der gemeinsamen Stellungnahme leben”.

Wie aber sieht das jüdische Leben in Polen zwischen Kulturfestivals und politischen Konflikten aus? Wie die Gegenwart einer Volksgruppe, mit der viele nur im Geschichtsunterricht in Kontakt gekommen ist? Seit 10 Jahren versucht Jonathan Ornstein unter anderem diese Fragen zu beantworten. Er leitet das Jüdische Gemeindezentrum, das nicht nur viele Workshops beim Festival organisiert hat, sondern gleichzeitig Anlaufstelle für alle jüdischen Menschen und Interessierte in Krakau ist – also auch für mich. Ein paar Facebook-Nachrichten, dann ein gläsernes Büro, eine Tasse Tee und ein Gespräch über Identität und Zukunft:

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Jonathan Ornstein, Gründer des JCC

Was genau macht das Jüdische Gemeindezentrum in Krakau (JCC)?
Wir haben viele Aktivitäten für die ganze jüdische Gemeinschaft und darüber hinaus. Wir haben seit diesem Jahr einen Kindergarten, ein wöchentliches Sabbatessen, einen Seniorenclub, einen Studierendenclub, Sprachkurse für Hebräisch, Jiddisch und Arabisch. Wir haben einen Chor, eine eigene Zeitung. Außerdem sind wir ein Besucherzentrum, letztes Jahr waren hier 120.000 Menschen, dieses Jahr werden es noch mehr. Wir wollen ein Ort für Begegnungen sein, und das nicht nur zwischen Juden, sondern auch zwischen Juden und Nicht-Juden.

„Judentum“ wird häufig in erster Linie mit Religion in Verbindung gebracht. Viele von den Angeboten, die Sie hier aufgeführt haben, klingen gar nicht danach. Was bedeutet es also für Sie, jüdisch zu sein?
Für mich ist es eine Nation, Kultur, Tradition und Geschichte, gar nicht unbedingt Glaube. Woran ich glaube, das ist für mich eine private Angelegenheit und Teil meiner ganz persönlichen Identität.

Was bedeutet es dann im Gegenzug für Sie, polnisch zu sein?
Das ist eine gute Frage. Ich habe die polnische Staatsbürgerschaft, also bin ich ganz offiziell Pole. Aber ob ich Pole bin, genau wie eine Person, deren Familie hier schon dreißig Generationen gelebt hat? Nicht so ganz vermutlich. Offiziell und rechtlich, ja, aber kulturell ist es ein bisschen anders.

Das mit der Identität ist kompliziert. Ich habe drei Reisepässe. Ob ich US-Amerikaner bin, oder Pole, oder Israeli, oder Jude, obwohl ich nicht gläubig bin, das ist schwierig für mich. Aber eigentlich fühle ich mich verbunden mit jedem Ort, an dem ich gelebt habe. Somit bin ich US-Amerikaner und Israeli und Pole. Auch wenn ich mich in Polen noch mehr als Einwohner Krakaus fühle. Und in den USA noch mehr als New Yorker denn als US-Amerikaner.

Wenn Sie hier in Polen auf eine Person treffen, die höchstwahrscheinlich nicht jüdisch ist und diese erfährt, dass Sie Jude sind: Wie fallen die Reaktionen aus?
Grundsätzlich positiv, würde ich sagen. Mir wurde noch nie mit Feindseligkeit begegnet. Andererseits arbeite ich viel und wenn ich neue Leute treffe, dann ist das oft geschäftlich und die Leute wissen Bescheid. Aber wenn ich einkaufen gehe und man an meinem Namen sieht, dass ich wohl kein gebürtiger Pole bin, dass ich Jude bin, dann hatte ich wirklich nie Probleme.

Das Gesetz zur Rolle Polens im Holocaust hat international für Empörung gesorgt, auf nationalistischen Aufmärschen hörte man im letzten Jahr mehrfach antisemitische Parolen. Hat sich das gesellschaftliche Klima für Juden in Polen verschlechtert?
Ja, gewissermaßen schon. Das geht mit der neuen Regierung einher, die viel Unterstützung von Rechtsextremen wie der ONR [deutsch: Nationalradikales Lager, faschistische Gruppe] bekommt, die natürlich antisemitisch sind und Probleme mit uns haben. Und auf solche extremistischen Gruppen reagiert die Regierung nicht genug und schon gar nicht schnell genug. Ich denke trotzdem, dass sich Juden hier trotzdem noch sicher fühlen können. Meine Sicht als Pole ist aber eine andere als meine Sicht als Jude. Als Pole habe ich ein großes Problem mit den Haltungen und Handlungen der Regierung, vor allem, was die Umstrukturierung der Gerichte und die Einschränkung der Frauenrechte angeht.

Machen sich die politischen Entwicklungen also nicht in Ihrem Alltag bemerkbar?
Nein, eigentlich nicht. Nur vor ein paar Monaten, als der erste Gesetzesentwurf vorgelegt wurde, konnte man die Angst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft spüren. Das hat sich jetzt ein bisschen beruhigt.

Einer der Slogans des Zentrums ist: Wir bauen eine jüdische Zukunft in Krakau. Welche Aufgabe haben die Politik, aber auch durchschnittliche Bürger*innen, diese Zukunft Realität werden zu lassen?
Politiker müssen ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem Minderheiten sich sicher fühlen können, unter anderem wir Juden, aber nicht nur wir. Wir brauchen Toleranz und Offenheit für alle, für Polen und alle anderen Nationalitäten. Aus der Zivilgesellschaft haben wir in Krakau tatsächlich viel Unterstützung. In unserem Zentrum gibt es über 50 Freiwillige, von denen keine*r jüdisch ist. Ich würde sagen, dass jede Person, die sich für ein liberales, offenes Polen einsetzt, gleichzeitig uns unterstützt.

Was würden Sie wollen, dass Nicht-Juden über Juden wissen?
Juden sind wie alle anderen auch, da gibt es gute Juden und schlechte Juden. Uns umgibt nichts Magisches, nichts Mystisches. Wir sind wie du.

[EN]

Weekends are always busy in the Kraków neighbourhood Kazimierz: Bars next to fast food stalls next to liquor shops next to clubs. But the first saturday in July is special, when the Jewish Culture Festival comes to an end. After ten days with more than 100 events 20.000 people celebrate at the seven-hour concert “Szalom na Szerokiej”.

There are still some posters hanging from the advertising boards. In the meantime, more and more articles about diplomatic tensions between Poland and Israel have snuck into my news feed, earlier full of festival photo galleries. Why they’re arguing, you ask? Earlier this year, the Polish parliament approved a controversial law, which might have put people openly stating there were Poles cooperating with Nazi Germany during the Holocaust into jail. The legal text was then toned down, Israel and Poland issued a declaration together. Jewish politicians and historians claimed historical revisionism. After some more changes Dina Porat, chief historian of the Holocaust memorial place Yad Vashem in Jerusalem, said she “could live with the statement”.

But what does Jewish life in between cultural festivals and political conflicts look like? What does the present of a group many only know from history classes look like? For 10 years, Jonathan Ornstein has, amongst many other things, been answering those questions. He founded the Jewish Community Center, which not only organised many events during the festival but also functions as a meeting point for Jewish people and people interested in Jewish life alike – so, also for people like me. A couple of Facebook messages, a glass office, a cup of tea and a talk about identity and future:

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Jonathan Ornstein, JCC founder

What exactly does the Jewish Community Center (JCC) in Kraków do?
We offer activities for the entire Jewish community and beyond. This year, we inaugurated our kindergarden, we have a weekly shabat dinner, a senior club, a student club, language classes for Hebrew, Yiddish and Arabic. We have a choir and our own newspaper. Moreover, we’re a visitor centre. Last year, 120.000 people visited us, this year it’s going to be even more. We want to be a place for encounters, not only for Jews, but also between Jews and non-Jews.

Frequently, Judaism is associated with religion. Many of the offers you just presented don’t sound religious at all. What does it mean for you to be Jewish?
For me, it’s a nationality, a culture, heritage and history, not necessarily faith. What I believe in is my private concern and part of my very personal identity.

What does it mean for you to be Polish, then?
That’s a good question. I have the Polish citizenship, so I’m officially Polish. But am I a Pole, just like a person whose family has been living here for thirty generation? Probably not. Officially and by law, yes, but I think, culturally, it’s a bit different.

Identity is complicated. I have three passports. It’s difficult for me to say if I’m American, or Polish, or Israeli, or Jewish, although I’m not religious. But actually, I feel connected to every place I’ve lived. So I’m American and Israeli and Polish. Although I feel like an inhabitant of Kraków rather than a Pole. And in the US I feel like a New Yorker rather than an American.

Here in Poland, when you get to know a person that’s probably not Jewish and that person learns you’re Jewish – what kinds of reactions have you experienced?
In general, reactions are postive. I’ve never experienced hostility. On the other hand, I work a lot and whenever I meet people it’s most likely for work and people already know. But when I go to the store and people see my name, see that I’m probably not a native Pole, that I’m Jewish, they don’t mind at all.

The law (re)considering Poland’s role during the Shoa has sparked international outrage. At nationalist rallies, people chanted anti-semitic slurs. Do you feel like the social environment for Jews in Poland has worsened?
To a certain degree, yes. It goes hand in hand with the current government, which receives a lot of support from right-wing extremists like ONR [National Radical Camp, fascist group], which are of course anti-semitic and have a problem with us. The government doesn’t react sufficiently to support from those groups and certainly not sufficiently quick. I still think Jews can feel safe in Poland.
My perspective as a Pole, however, differs from my perspective as a Jew. As a Pole, I am very concerned about the government’s policies, ranging from the reorganisation of the courts to the restriction of women’s rights.

Have you noticed those political changes in your everyday life?
Not really. Though you could feel the fear within the Jewish community, when the first draft for the [aforementioned] law was presented. But that situation has eased a bit.

One of the slogans of the center is: Building a Jewish future in Kraków. What responsibility carry politicians, but also citizens, to help you realise that future?
Politicians have to create a social environment, in which minorities feel safe, minorities like us Jews, but not exclusively. We need tolerance and openness for everyone, for Poles and other nationalities. From the civil society, we already have a lot of support. Here, we have more than 50 volunteers, not one of them has Jewish heritage. I’d say that every person commited to build a more open, more liberal Poland, contributes to our cause at the same time.

What would you like non-Jews to know about Jews?
Jews are just like anyone else, there are good ones and bad ones. There’s nothing magical about us, nothing mystical. We’re just like you.

 

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