Dowidzenia, Kraków

[English version below.]

In Krakau fällt der Schnee nicht, um zu landen. Stattdessen taumelt er im Rauch der Schornsteine, fällt und steigt, bleibt in der Luft, verschwindet, und mittlerweile wundert es mich nicht mehr, dass die Realität in dieser Stadt nicht das Maß der Dinge ist. In dieser Stadt, in der Wesen aus Mythen und Legenden von jedem Schultor auf mich herunter und von jedem Bussitz zu mir hochschauen. In der ein Drache mit Sicherheit mitverantwortlich ist an der Luftverschmutzung. In der Touristen sich vor meinem Fenster um gelbe Regenschirme scharen wie Ameisen um ein saftiges Stück Obst.

36137233_2060563830682461_5566711841104592896_n.jpgDer Drache, die Touristen und ich sind Teil eines Forschungsprojekts. Es heißt: Wann wird ein Woanders ein Zuhause? Wir beobachten und quantifizieren. Folgende Erfahrungen haben wir bisher als Fortschritte verbucht: >30 Mal pierogi essen gehen, fünf Mal Tulpen bei der alten Frau unter dem Torbogen kaufen, zwölf Mal am kleinen Gemüsegeschäft vorbeigehen, das nach Dill und eingelegten Gurken duftet. >50 leere Wodkafläschchen in Türeingängen und in Fenstern finden, davon eine adrett auf eine Serviette drapiert. Ein Mal zum Supermarkt gehen, Einkäufe abstellen, sofort wieder rausgehen und feststellen, dass fünf Kilo rohes Rindfleisch plötzlich direkt vor der Haustür liegen.

Krakau riecht nach Rauch und Blumen und Betrunkenen. Die Altstadt ist ein Totenkopf, Kazimierz schmiegt sich in die sanften Hängematte des Flusses und für Konstellationen brauche ich keinen Himmel, Google Maps reicht. Ich bin zu spät zum Treffen mit der Forschungsgruppe, so wie immer hier, wo alles zu nah beieinander liegt und der öffentliche Nahverkehr zu verlässlich ist, um ernsthaftes Zeitmanagement zu betreiben.

Die Forschungsgruppe hat außerdem festgestellt, dass “Woanders” und “Zuhause” nicht klar voneinander zu trennen sind. Mein Name wird hier von allen richtig ausgesprochen, das Klingeln der Straßenbahnen kenne ich aus meiner Kindheit und meine Oma macht die besten eingelegten Gurken. Und wenn es mir reicht, wenn die autoritäre polnische Regierung zu sehr in meine behütete Wohlstandsblase vordringen sollte, dann kann ich gehen. Die Touristen, der Drache und ich überlegen, was das für unsere Ausgangsfrage heißt, aber statt einer Antwort haben wir Hunger.

Ich frage mich, wann ich in Krakau zum letzten Mal Pfirsiche kaufe, am Fluss spaziere oder wann mich das letzte Mal das Leeren der Glascontainer weckt. Der Drache sagt, das ist sentimental und albern, schließlich ist Krakau nicht weit weg. Die Touristen sagen nichts, sie sind in ein Geschäft gelaufen und haben drei “Polska”-Shirts zum Preis von zwei gekauft. Auf meinen Polnischdiplom steht B2 und manchmal ist das genug für politische Diskussionen und manchmal zu wenig, um das Brot geschnitten zu kaufen.

Kein Polnischdiplom ist ausreichend, um unsere Forschungsfrage zu beantworten.Wir sind traurig. Wir wollen nicht gehen. Der Drache zieht sich zurück in seine Höhle, in die man unterhalb des Stadtschlosses für 3 PLN herabsteigen kann. Die Touristen nehmen den Airportshuttle und schicken Monika und Jens aus der Reisegruppe die gemeinsamen Fotos mit der Marienkirche im Hintergrund. Ich suche Krakau bei Google Maps und finde mich nicht und ich glaube, das ist gut. Denn das heißt, ich muss weitersuchen und wiederkommen. Vielleicht, wenn es schneit.

[EN]

In Kraków, snow doesn’t fall to land. Instead, it tumbles through the smoke of the chimneys, falls and rises, stays in the air, vanishes, and I am not really surprised anymore that here, reality is not the measure of all things. In this city, in which mythical creatures look down on me from every school gate or look up to me from every bus seat. In which the terrible pollution is probably party a dragon’s fault. In which tourists gather around yellow umbrellas like ants around a juicy piece of fruit.

36137233_2060563830682461_5566711841104592896_n.jpgThe dragon, the tourists and me are part of a research projects. It’s called: When does a Somewhere Else become a Home? We observe and quantify. We consider the following experiences to be important steps in the process: eating pierogi >30 times, buying tulips from the old lady under the archway, passing the little grocery store smelling of dill and pickles twelfe times. Also, finding >50 little vodka bottles in house entrance and windows, one of them elegantly placed on a napkin. Going to the store, bringing home the items, leaving again immediately and realising, someone has left roughly 5 kilos of raw beef right outside your door.

Kraków smells of smoke, flowers and drunks. The Old Town is a skull, Kazimierz makes itself comfortable in the hammock that is the river. For admiring constellations, I choose Google Maps over night skies. I am late for my research group meeting, like always in this city in which everything is way too close to everything, in which public transport is too reliable to really worry about time management.

Besides, the research group found out that “Somewhere Else” and “Home” are not mutually exclusive. Here, everyone pronounces my name correctly, I remember the sound of the tram from my childhood, my grandma makes the best pickles. And if the nationalist Polish government should ever invade my privileged bubble too much, I could just leave. The tourists, the dragon and I ponder, what that might mean for our research question, but instead of being inspired, we’re being hungry.

I wonder: When will be the last time I buy peaches in Kraków, the last time I take a stroll by the river, the last time the emptying of the glass bins will wake me? The dragon says, I’m being sentimental and ridiculous, Kraków is so close. The tourists say nothing, they entered a store and got three “Polska”-Shirts for the price of two. My Polish diploma says “B2” and sometimes that’s enough for proper political discussions and sometimes it’s not enough for you to ask for your bread to be sliced.

No Polish diploma is enough to answer our question. We’re sad. We don’t want to leave. The dragon withdraws into his cave beneath the castle. You can visit it for 3 PLN. The tourists take the airport shuttle and send Monika and Jens the pictures they took together, the ones with the St. Mary’s church in the background. I look up Kraków in Google Maps and I cannot find myself. I think, that’s a good thing. That way, I have to keep looking and to keep coming back. Maybe when it starts to snow again.

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