Matka Polka: A Skirt is a Cape is a Flag

[English version below]

Liebe matka polka,

alles Gute zum Muttertag! Ich habe Blumen und Wein mitgebracht. Du wischst deine Hände an der Schürze ab und schaltest den Ofen aus. Wir setzen uns ins Esszimmer, die Tischdecke ist so frisch gebügelt, dass sie noch warm ist unter meinen Fingern.

Ich erzähle dir von einem Gespräch mit einer Freundin. Sie schreibt gerade an einem Essay über Superhelden, nein: Superheldinnen, und darüber, dass Mädchen starke, furchtlose Vorbilder brauchen. Du lächelst und sagst „Oh, interessant“. Du stehst auf, gehst in die Küche, um nach dem Essen zu schauen. Dein roter Rock schwingt dir hinterher wie ein Cape.

Wir wissen beide, dass du mehr bist als eine Superheldin. Du bist ein Mythos. Du machst eine Familie zu einem Zuhause und ein Herkunftsland zur Heimat. Du machst Polen zu Polen. Es gibt dich schon ewig und, klar, man sieht dir dein Alter nicht an. Du bist sehr bescheiden. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass dir der polnische Dichter Adam Mickiewicz 1830 ein Gedicht gewidmet hat.

Mickiewicz beschreibt, wie du ab dem ersten Moment als Mutter weißt, dass dein Sohn später in den Krieg ziehen wird. Für das Vaterland, für die Freiheit, für etwas Größeres als dich. Und während ich den Stiel meines Weinglases zwischen den Fingern drehe, verstehe ich, warum du so bescheiden bleibst. In dem Gedicht geht es nicht um dich. Es geht eigentlich nie um dich.

Es geht um die Söhne, die du zu Patrioten machst. Es geht um deinen Ehemann, der an der Front kämpft, um ein Polen zu verteidigen, das vor allem im 20. Jahrhundert permanent die Arschkarte gezogen hat. Du opferst deinen Sohn für etwas Übermenschliches. Von der matka polka bis zur Gottermutter matka boska ist es nicht weit. Auch an dich muss man glauben.

Du rufst mich zum Mittagessen, die Auswahl ist riesig. Das war nicht immer so, aber wem erzähle ich das, schließlich standest du als sozialistische matka polka als erste morgens um vier für Lebensmittel in der Schlange. Später dann warst auf dem Weg ins Büro oder in die Fabrik, daneben hieß es weiterhin: Kinder, Küche, Kirche. Was in Deutschland manchmal als abschätzige Bemerkung für Hausfrauen benutzt wird, war zu deiner Zeit Rebellion. Das Zuhause und die Kirche waren unter sowjetischer Kontrolle die einzigen Orte, um polnische Autonomie zu kultivieren.

Es gibt viele nationale Symbole. Die französische Marianne ziert Rathäuser und Briefmarken, Lady Liberty hat vermutlich kein Gefühl mehr im rechten Arm, aber du hast einen Knochenjob. Du bist Mutter, Patriotenmaschine, Versorgerin und Vorbild. Und das, liebe matka polka, ist kompliziert. Denn es ist leicht, dich auf den ersten Blick mit einer normalen Frau zu verwechseln. Du trägst keine Krone und hältst keine symbolischen Gegenstände. Du stehst nicht nur dumm rum, du arbeitest, überall und immer.

Aber du bist nicht wie normale Frauen. Die polnische Journalistin und Autorin Agnieszka Imbierowicz findet sogar, deine Verehrung mache es dem Feminismus in Polen besonders schwer. Deinetwegen verwechseln Menschen Respekt vor dir und deiner Opferbereitschaft mit Respekt vor echten Frauen, die keine Märtyrerinnen sind. Vor denen, die vielleicht ganz gerne mal ein Buch lesen würden, anstatt ständig die Heimat zu retten. Du bist gleichzeitg matka und polka und auch wenn du kein Mensch bist, haben wir etwas gemeinsam: Wir alle wissen, wie verdammt schwierig es für Frauen ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

Ich sitze allein an meinem Tisch, auf dem keine Decke liegt, schon gar keine gebügelte. Vor mir steht ein leerer Pizzakarton. Draußen, am Rande meines Blickfelds huscht etwas Rotes vorbei. Der Zipfel eines Rockes, einer Flagge, eines Capes. Ich weiß nicht, ob du es warst. Ich werde es wohl nie wissen, denn an dich muss man glauben.

[EN]

Dear matka polka,

happy mother’s day! I brought you flowers and wine. You wipe your hands on your apron and turn off the oven. We take a seat in the dining room, the tablecloth is so freshly ironed, it’s still warm underneath my fingers.

I tell you about a conversation I had with a friend. She’s writing an essay about superheroes, no, wait: Superheroines, and about the fact that girls need strong, fearless role models. You smile and say „Oh, interesting“. You get up and go to the kitchen to check on the food. Your red skirts swings after you like a cape.

We both know you‘re more than a superheroine. You’re a myth. You make a house a home, you make a country of origin a motherland. You make Poland Poland. You’ve been around for ages and, obviously, your face doesn’t show. You’re very modest. Which is surprising, taking into consideration that Adam Mickiewicz, Poland’s number one poet, dedicated a poem to you in 1830.

Mickiewicz describes how you, from the very first moment as a mother, know that your son will later go to war. For the fatherland, for freedom, for something bigger than yourself. And while turning the glass of wine in my hands, I realise why you’re so modest. This poem is not about you. It’s basically never about you.

It’s about the sons you turn into patriots. About your husband, who’s fighting at a front to defend a Poland that‘s – especially in the 20th century – been permanently fucked over. You sacrifice your son to something supernatural. Matka polka is, in fact, pretty close to Virgin Mary, or Matka boska. You’ll have to believe in both.

You call me for lunch, it’s lavish. It’s not always been that way. But who am I to tell you, socialist matka polka, when it was you who queued for groceries at 4 in the morning. Later then, you went to the office or the factory, and even later your other jobs were waiting: Children, Kitchen, Church. That triad Germans sometimes use to devalue stay-at-home mothers meant rebellion for you, instead. During Soviet oppression, the home and the chruch were the only places to cultivate Polish autonomy.

Es gibt viele nationale Symbole. Die französische Marianne ziert Rathäuser und Briefmarken, Lady Liberty hat vermutlich kein Gefühl mehr im rechten Arm, aber du hast einen Knochenjob. Du bist Mutter, Patriotenmaschine, Versorgerin und Vorbild. Und das, liebe matka polka, ist kompliziert. Denn es ist leicht, dich auf den ersten Blick mit einer normalen Frau zu verwechseln. Du trägst keine Krone und hältst keine symbolischen Gegenstände. Du stehst nicht nur dumm rum, du arbeitest, überall und immer.

There are many national symbols. French Marianne decorates town halls and stamps, Lady Liberty probably can’t feel her right arm anymore, but, honestly, your job is tough. Your a mother, a patriot machine, a provider and a role-model. And that, dear matka polka, is somewhat complicated. Because, at first glance, it’s easy to confuse you with a normal woman. You don’t wear a crown and don’t carry symbolic objects. You don’t just blankly stand around, you geht shit done, anywhere and always.

But you’re not a normal woman. Polish journalist and author Agnieszka Imbierowicz even says, your admiration makes it particularly hard for feminism to be accepted in the Polish society. Because of you, people confuse respecting you and your selflessnesswith respecting women, that means: real women, who aren’t martyrs. Who’d maybe rather read a book, instead of constantly saving the nation. You’re matka and you’re polka at the same time and even if you’re not a person, we can agree on one thing: That we all know, how hard it is for women to conciliate work and family.

I’m sitting at my desk, alone. There’s no tablecloth, and much less an ironed one. I look at an empty pizza box. Outside, disappearing from my view, I see something red passing by. The seam of a skirt, a flag, a cape. I don’t know if it was you, I guess I’ll never know. Because for you to exist, one has to believe in you.

 

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