Poland and the EU: Power Couple in Crisis

[English version below. Header: “A multitude of colourful flags at the European Parliament in Strasbourg” by “European Parliament” on Flickr]

Am 1. Mai feiern Polen und die Europäische Union ihren 14. Jahrestag: Der Tisch im schicken Restaurant ist seit Wochen reserviert, es lief so lange so gut. Und doch könnte es sein, dass beide am Dienstag schweigend speisen, verschämt ein Sektglas nach dem anderen leeren und sich fragen, wie sie in dieser Sackgasse landen konnten. Polen und die EU, das war, wie Donald Tusk noch 2014 sagte “eine beispiellose Erfolgsgeschichte“. Polen und die EU, das ist kompliziert.

Es ist bekanntermaßen in vielen Beziehungskrisen hilfreich, auf die gemeinsamen Erfolge zurückzublicken: Polen war lange Zeit der engagierte Liebling der EU und ist nach wie vor Nettozahlungsempfänger Nummer 1. Seit dem Eintritt in die Union hat sich das BIP pro Kopf mehr als verdoppelt. Lag es 2003 noch bei 5.490 USD pro Jahr, waren es 2016 schon 12.680 USD. Seit Beginn der Integration gab es schon bis 2014 über 13.000 Kilometer neue Straßen, exportiert wird jetzt dreimal so viel wie vorher. Knapp eine Million Polen arbeiten in anderen EU-Ländern, unzählige Studierende machen Auslandssemester. Auch abseits der Universitätsstädte hat sich viel getan: Von neuen Absatzmärkten hat vor allem die polnische Landwirtschaft profitiert.

Mit jedem Jahr, in dem ich meine Familie in Polen besuchte, sehe ich mehr von dieser Entwicklung: Auf der Busfahrt nach Toruń wird mir immer später schlecht, wenn wir von der Autobahn auf Schlaglochpisten wechseln, immer größer werden die Infotafeln, die feierlich verkündeten: Gefördert von der EU. Was also musste passieren, damit die EU-Kommission jetzt zum ersten Mal ein Sanktionsverfahren einleitet, das Polen im Extremfall die Stimmrechte in EU-Institutionen entzieht? Oder: An welchem Punkt fing Polen an, später von der Arbeit zu kommen und auf der Couch zu schlafen?

Meine Metapher klingt nach Seifenoper und Polemik. Das ist Absicht, denn der Konflikt zwischen Polen und der EU berührt zu viele Aspekte, um sie hier gebührend abzuarbeiten. Formulieren wir es also so: 2015 kam Polen nach einem Selbstfindungstrip nach Hause und verkündete, dass die Dinge jetzt anders laufen. Dass es jetzt eine Reform gibt, die dem Justizminister quasi die Macht gibt, die obersten Richterposten mit Parteisympathisanten zu besetzen und die Gerichte somit langfristig auf Linie zu bringen. Dass die Regierung keine Geflüchteten will. Und dass Polen nicht mehr jeden Tag den Müll runtertragen, die Kinder zur Schule bringen, oder den Abwasch machen will. Nö!

Das wurde der EU und vielen ihrer Mitgliedsstaaten zu bunt. Die Venedig-Kommission des Europarats spricht von einem “ernsten Risiko für die Unabhängigkeit aller Teile der Justiz in Polen“, im Februar verweigerte eine irische Richterin sogar die Auslieferung eines polnischen Verdächtigen, da sie die rechtsstaatlichen Grundsätze in Polen als nicht mehr gewährleistet sah. Die Justizreform hat nach dem Verständnis also nicht nur Konsequenzen für den polnischen Staat, sondern beeinflusst außerdem juristische und diplomatische Kooperation innerhalb von Europa.

Trotzdem will Polen es sich nicht ganz mit der EU verscherzen. Führende Regierungsmitglieder wurden ausgetauscht, Außenminister Czaputowicz kündigte marginale Änderungen an der Justizreform an. Ein pragmatisches Zugeständnis, um das Verfahren aufzuhalten, sagt er. Kosmetik, sagen Kritiker. Die EU ist toll, sagt der Großteil der Polen. Trotz tiefer Krise auf der Führungsebene befürwortet die polnische Bevölkerung ihre EU-Mitgliedschaft zu 88%. Widerspruchsfrei ist das Verhältnis trotzdem nicht: Knapp drei Viertel sind nach drei Jahren PiS-Regierung gegen eine Aufnahme von Geflüchteten – 2015 war nur knapp die Hälfte dagegen. Mehr als die Hälfte ist aber gleichzeitig dafür, dass die EU über das Asylrecht entscheidet. Außerdem finden 66%, dass Polen zu wenig Einfluss in der Europäischen Union hat. Also EU, ja – aber anders?

Diese Hoffnung könnte sich bald erfüllen, allerdings nicht unbedingt wie erwartet. „Rzeczpospolita“, die zweitgrößte polnische Tageszeitung, berichtet von zugespielten Dokumenten, in denen Details zur neuen Budgetplanung der EU stehen und die am 2. Mai präsentiert werden sollen. Darin ist von einer beträchtlichen Kürzung von Leistungen für Polen die Rede – unter anderem durch den mittlerweile relativ hohen Lebensstandard und den Brexit. Die Kürzungen gingen sogar so weit, dass Polen zum Ende der nächsten Budgetphase kein Nehmer- sondern ein Geberland sein würde.

Wenn sich die Unterstützung der EU also nur auf ihren finanziellen Nutzen gründet, wenn die Zahlungen der EU also eher ein Vehikel für die wirtschaftliche Entwicklung und den damit verbundenen Nationalstolz sind, könnte das Date also richtig unangenehm werden. Zwar ist immer noch unklar, was genau am 2. Mai verkündet wird, aber Eines ist sicher: Zu viele aus Peinlichkeit geleerte Sektgläser verursachen Katerstimmung. Ob die EU Polen halten kann, ob die EU das Sanktionsverfahren weiter vorantreibt und ob von der “beispiellosen Erfolgsgeschichte” nach nächster Woche noch etwas übrig bleibt – das könnt ihr in der nächsten Staffel von Polen und die EU- Es ist kompliziert” erfahren. Bleibt dran.

[EN]

On May 1, Poland and the EU have their first anniversary: The table at the fancy restaurant was booked weeks in advance, it had been going so well for so long. And yet, there’s a chance that both of them will eat in silence, that they will awkwardly down glasses of champagne and ask themselves: Where did we go wrong? Poland and the EU, that used to be an “unprecedented story of success“, as Donald Tusk said in 2014. Poland and the EU, it’s complicated.

It is commonly known that looking back at common successes might help couples through a crisis: For a long time, Poland was the committed darling of the EU. To this day the country is the number one receiver of EU payments. Since joining the EU the GDP per capita has more than doubled: It skyrocketed from 5.490 USD in 2003 to 12.680 USD in 2016. Since 2004, 13.000 kilometres of new streets have been built, export has increased threefold. About a million Poles work in other European countries, countless students study abroad. But there’s also been growth beyond university cities: The access to new markets has mostly benefitted Polish farmers.

With every year I visited my family in Poland, I noticed more changes: On my way to Toruń I started feeling sick later and later, when we left the highway and continued our journey through pothole inferno. The announcements for EU funded projects became omnipresent. So what had to happen for the European Commission to introduce a sanctions procedure against one of its member states for the first time, which could cause Poland to lose its participation rights? Or: When did Poland start coming home late and sleeping on the couch?

My metaphors sound somewhat polemic and soap-opera-like. I do that on purpose, since the conflict touches on so many aspects that I find it impossible to treat them all in a dignified and professional manner. So let’s phrase it like this: 2015 Poland came back from a self-discovery and stated that things would work differently from then on. That there’s a reform now that basically gives the Minister of Justice the right to fill the positions of the most influential judges with candidates according to the party line. That refugees are not welcome. That Poland is not willing to take out the trash anymore, to drive the kids to school and to wash the dishes. Enough of this!

The EU and some of its member states were not amused. The Venice Commission, consisting of members of the Council of Europe cautions against “a serious threat to the independence of all parts of the Polish legal system”. In February, an Irish judge refused to extradite a Polish suspect, because she felt that the basic principle of constitutionality was not guaranteed anymore. Judging from these examples, the reform of the Polish system does not only have a serious impact on the Polish state, but on legal and diplomatic cooperation within Europe in general.

Still, Poland doesn’t want to alienate Europe completely. Leading government members were exchanged, foreign secretary Czaputowicz announced minor changes to the reform of the legal system. He says, it’s a pragmatic concession, so the EU doesn’t follow through with the sanctions procedure. Critics say, it’s make-belive.

Poles say, the EU is great. In spite of a deep crisis between politicians, 88% of poles strongly approve of their EU-membership. But the attitude is not without contradictions: After three years of PiS in charge, 75% percent disapprove of Poland taking in refugees – 2015 only half of the surveyed thought that way. Nevertheless, more than half of the polled agrees on the EU being responsible for refugee matters. Moreover, two thirds think, Poland should have more of a say within the EU. So –  a big yes for the EU, if the EU changes?

A hope that could be considered soon – but maybe not in the way Poles imagine. „Rzeczpospolita“, Poland’s second biggest daily newspaper, reports on leaked documents that give information on the new EU budget plan, which is supposed to be published on May 2. It states that Poland will receive way less money than before, supposedly because of Brexit and the relatively high living standard in Poland. The cutbacks might be so severe that Poland ends up paying more than receiving.

If Polish support for the EU is solely based on financial benefit, if the payments are then rather a vehicle for Polish national pride, the anniversary could be really awkward. Though it’s still not clear, what will be announced May 2, one thing’s for sure: Too many awkwardly downed glasses of champagne cause a bad hangover. So if you want to know if the EU can convince Poland, if the EU continues the procedure and if, after next week, there will be anything left of an “unprecedented story of success” – stay tuned for the next season of “Poland and the EU – it’s complicated”.

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s