Sexualkunde und Kalter Krieg. Oder: Nein, danke, ich will nicht mit meiner Eizelle sprechen.

[English version below]

Die Antibabypille macht unfruchtbar, Kondome verursachen Krebs. Wenn eine Frau schwanger wird, dann erwirbt ihre befruchtete Eizelle die Fähigkeit, sich direkt mit ihrer Wirtin zu kommunizieren. “Nimm mich auf”, sagt sie, und: “Bereite mir ein Deckchen und ein Kissen vor, damit ich es bequem hab.”

Das ist natürlich Bullshit. Trotzdem führen diese Aussagen zurzeit die Artikel vieler polnischer Medien an. Warum? Weil das polnische Gesundheitsministerium gerade für 10 Millionen PLN – knapp 2,5 Millionen €  – eine Kampagne gestartet hat, in deren Imagefilm diese Inhalte als Fakten dargestellt werden. Nach heftigem medialem Widerstand ist der Film nicht mehr online, das Programm “W stronę dojrzałości” (“In Richtung Reife”) geht trotzdem bald an den Start. Schüler ab der 9. Klasse sollen dort durch Tutor*innen erst zur Enthaltsamkeit als Jugendliche und dann zu jungen Eltern erzogen werden – notfalls mit Lügen.

Ein guter Anlass, sich die Lehrpläne für Sexualkunde mal genauer anzuschauen. Und auch einen Blick auf den Lehrplan in NRW zu werfen, da, wo ich zur Schule gegangen bin. Denn, wenn ich ehrlich bin: Wenn ich an meinen Biounterricht zurückdenke, an die Räume mit den weißen Tischen, auf die mein roter Kopf runterschaut, an die Vulva-Illustrationen, die wir beschriften mussten und die eher nach einer Vorlage für “Malen nach Zahlen”, als nach Aufklärung aussahen, an die Lehrerin, die nur durch unser nervöses Kichern wach blieb, dann wird mir klar: Die wirklich wichtigen Dinge habe ich nicht gelernt.

Die Lehrpläne haben Eines gemeinsam: Beide haben etwas Magisches an sich. Die Richtlinien für Sexualerziehung in NRW beschreiben mir tendenziell ein Land, in dem vom Stigma befreites Blut und Honig fließen: Kritisieren von Geschlechterrollen, Einvernehmen, sexuelle Vielfalt und Gesundheit. Die Realität, die ich und meine Freundinnen erlebten, war anders: Im Falle von Lehrerwechseln ist Sexualkunde das erste Thema, das unter den Tisch fällt. AIDS gibt es generell nur in sogenannten Entwicklungsländern, andere Krankheiten waren zu egal oder zu eklig.

Sex findet zwischen Mann und Frau statt, Verhütung ist in erster Linie ihr Problem. Dass das für uns Knirpse mit 12, 13 meistens noch kein Thema war und dass die siebte Klasse aber meistens das letzte Jahr war, in dem “Sex” noch weiß auf grün an der Tafel stand, war egal. Uns und den Lehrer*innen. Das Internet lockte uns mit dem Surren und Piepen und Flehen des Routers in seine Fänge, ältere Freundinnen flüsterten uns ihre Erfahrungen zu, wir lernten Vieles, wir lernten Vieles falsch.

Die generellen polnischen Richtlinien für das Schulfach WDŻ (übersetzt so viel wie “Erziehung zum Leben innerhalb der Familie”) schicken mich hingegen innerhalb weniger Sätze zurück in die 1950er. Das ist keine Anspielung auf das Frauenbild, sondern auf Rhetorik aus dem Kalten Krieg. Von der hedonistischen Demoralisierung Jugendlicher durch den Sexualkundeunterricht in Deutschland und Frankreich ist die Sprache, sowie von der Nutzlosigkeit “westlicher”, biologischer Aufklärung zu dem Thema. Dem gegenübergestellt wird das polnische Modell, das auf Abstinenz setzt. Das hat, wie wir alle wissen, schon immer gut funktioniert.

Ich erspare euch die Details. Erstaunlich fand ich nur die Dreistigkeit, mit der Überzeugungen als unbestreitbare Wahrheiten verkauft werden: Mutterliebe ist bedingungs- und grenzenlos. Masturbation ist Symptom psychischer Erkrankungen. Menschen lieben sich aus dem Bedürfnis heraus, Eltern zu werden. Was das für Paare mit anderen sexuellen Orientierungen bedeutet, ist klar.

So falsch es auch klingt: Diese Regelung ist neu. Erst letztes Jahr wurde sie verabschiedet und wird jetzt in Grundschulen eingeführt. Dazu, wie die Ausführung und die Effekte aussehen, weiß man also noch nichts. Aber ich kenne polnische Schüler*innen, die jetzt bald Abitur machen. Das sind die, denen gesagt wurde: “Wir müssen nicht über andere sexuelle Orientierungen sprechen, das betrifft doch niemanden”, während allein in dem Raum mindestens drei Personen saßen, die das vermutlich anders sahen. Die nicht von extra ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet wurden, sondern von Priestern und Nonnen. Oder von Lehrer*innen, die normal Geschichte, Mathematik oder sonst was unterrichten und ihre Stunden vollkriegen müssen. Es gibt auch die, die sagen: Homosexualität war an meiner Schule normal. Oder: Meine Lehrerin war engagiert, wir haben über Schönheitsideale und persönliche Erfahrungen gesprochen. Aber das ist Glückssache.

Und das wusste ich mit 12 nicht, oder es war mir egal, weil es Zeitschriften gab und ich wusste ja schon, was passiert, wenn zwei Menschen miteinander schlafen. Ich hätte nicht erwartet, dass ich das mal sagen würde, aber: Die polnische Regierung hat recht. Biologisch-sterile Sexualkunde in Deutschland war – zumindest in meinem Fall – ziemlich nutzlos. Wenn Schüler*innen und Lehrer*innen gleichermaßen gleichgültig in den Klassenraum kommen, wenn Lehrer*innen sagen “das betrifft die meisten doch nicht, deswegen lassen wir das”, wenn die Verantwortung auf Medien oder das Elternhaus abgewälzt wird, dann ist das nicht nur eine Zeitverschwendung, sondern gefährlich. Dann nämlich treten die Parteien auf den Plan, die die Scham, Unsicherheit und Verletzlichkeit von Jugendlichen für sich nutzen. Die sagen, dass nur ein keuscher Körper ein guter, patriotischer Körper ist.

Heute kann ich mich über solche Thesen lustig machen. Als 12-jährige dagegen hatten Lehrer*innen für mich noch ziemlich viel Autorität. Wenn mir da jemand in einem Moment der Unsicherheit erzählt hätte, dass mein Körper, meine Sexualität und meine Gefühle nicht normal, verwerflich, sündig bis landesverräterisch wären – ich weiß nicht, ob ich das so einfach abgetan hätte.

Mein Lehrplan für meinen Sexualkundeunterricht war nicht annähernd so bescheuert wie der, der polnische Jugendliche jetzt erwartet oder wie der, nach dem meine polnischen Gesprächspartner*innen unterrichtet wurde. Trotzdem waren unsere Erfahrungen ähnlich. Das spricht einerseits dafür, dass unsere Lehrer*innen tendenziell keine religiösen Fanatiker waren, aber es kann auch nicht sein, dass die einzigen Optionen Indoktrination oder Gleichgültigkeit sind. Klar, es ist wichtig, Genitalien zu beschriften. Aber es wäre auch wichtig gewesen, wenn uns schon ganz früh jemand gesagt hätte: Wenn deine Eizelle anruft, aber eigentlich der Nationalismus dran ist – leg auf.

[EN]

Thanks, I don’t want to talk to my ovum

The pill makes you infertile, condoms cause cancer. When a woman gets pregnant, her zygote is capable of talking to her host. “Accept me”, she says, and: “Prepare a pillow and a blanket for me, so I can get comfortable.”

Obviously, that’s bullshit. Still, those phrases currently lead many articles in Polish media. Why? Because the Polish Department of Health just launched a campaign for 10 million PLN – roughly 2.4 million €. In the image film for the campaign, those contents are stated as facts. After a huge media backlash, the film is no longer accessible. Nevertheless, the programme “W stronę dojrzałości” (“Heading Towards Maturity”) will take up its work soon. Students from 9th grade on are supposed to be convinced by tutors to first be celibate as teens and to then become parents very early – if needed, by use of lies.

Sounds like a good occasion to look more closely into some of the guidelines for Polish teachers. And into those of the state of North-Rhine Westphalia, that’s where I went to school in Germany. Because, if I’m totally honest: Looking back into the days of biology class, thinking of rooms with white tables I was looking down on with a red head, thinking of the vulva illustrations I had to label, rather resembling “Colour by Numbers” than sex-ed, of the teacher, who only stayed awake because of our nervous giggles, I realise: The most important stuff was left out.

The teachers‘ guidelines do have something in common: Both of them feel somewhat magical. The German programme for sex-ed in NRW describe a land of blood without stigma and honey: Scrutinising gender roles, consent, sexual diversity and health. The reality my friends and I experienced was different: Whenever there was a change of teacher, sex-ed was the first topic to be dropped. AIDS is a problem of the so-called developing countries, other illnesses didn’t matter or were just to gross.

Sex happens between men and women, contraception is mostly her problem. Ironically, most of us had no clue about those things at age 12, 13. But for many of us that was the last time we could see the word “sex” written on the blackboard, white on green. It didn’t really matter, not to the teachers, not to us. The internet lured us into their arms, charming us with the humming and buzzing of the router. Then there were older friends, telling us secretly about their experiences. We learnt a lot, we learnt a lot of it the wrong way.

The general guidelines for Polish teachers giving WDŻ lessons (which menas “Education on How to Live Within a Family”), however, shot me straight back into the 1950s. No, not because of the perception of women, but because of the Cold War rhetorics. I learn about the hedonistic demoralisation of the youth that takes place because of sex-ed in Germany and France, about the uselessness of the inherently “Western” biological approach to all things sex. It is juxtaposed to the Polish model of complete abstinence. Which, as we all know, has always worked splendidly.

I spare you the details. The only thing that really took me by surprise was the audacity to sell personal convictions as indisputable facts: The love of a mother is always unconditional and without limits. Masturbation is a symptom of mental illness. People love each other primarily because they want to become parents. I don’t need to tell you what that means for people who are not straight.

As wrong as it sounds: That regulation is new. It’s only been adopted last year and is now introduced into primary schools. It is therefore yet to see how these guidelines affect students. But I do know some Polish students who are about to graduate from high school. Those students, who were told that “we don’t need to talk about other sexual orientations, because it barely affects anyone”, while there were at least three people in that room at that time, who might have disagreed. Who weren’t taught by trained teachers, but by priests and nuns. Or by teachers, who normally teach math or history or whatever and who just had to somehow fill their schedule. There are also those, who say: Being gay was perfectly normal at my school. Or: My teacher was really commited, we talked about beauty ideals and personal experience. But that’s a matter of luck.

And I didn’t know that when I was 12 years old, or I didn’t care, because there were magazines and, after all, I knew what happens when people have sex. I didn’t expect me to say something like this, ever, but: I think the Polish government was right. Sex-ed strictly focused on biology – at least in my case – was pretty useless. When students as well as teachers come into the room with striking indifference, when teachers say “let’s not talk about this, it doesn’t matter for everyone”, when responsibility is passed on to the media or the parents, then sex-ed is not just a waste of time, it’s dangerous. Because in that case, new actors appear. Actors, who know how to exploit young people’s embarrassment, insecurity and vulnerability for their purposes. Who say that only a coy body can be a good, patriotic body.

Today I can laugh about statements like these. But when I was 12 years old, teachers had a lot of authority for me. And if my teachers had told insecure me that my body, my sexuality, my feelings were not normal, sinful or treacherous – I don’t know if I had brushed that off so lightly.

The guidelines for my sex-ed weren’t nearly as stupid as those the Polish youth has to face today or as those that served as a base for the students I interviewed. Still, our experiences were similar. One the one hand, this thankfully indicated that our teachers weren’t religious fanatics, but it’s not acceptable that the only options now will be indoctrination or indifference. Of course, it’s important to label genitals. But it would have been quite important for us, had someone told us something like this at a very early age: When your ovum calls, but it’s actually nationalism who wants to talk to you – hang up.

 

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