Polenamorie

[English version below]

Liebes Polen,

das ganze Desaster fängt schon mit der Anrede an. Ich meine dich und ich meine nicht dich, ich meine nicht Warszawa oder Wieliczka, denn da war ich noch nicht. Ich meine nicht einmal Krakau, oder das Stadtviertel, in dem ich wohne, oder meine Nachbarn, denn ich kenne sie nicht, denn an der Tür stehen nur Nummern und keine Namen. Ein paar von ihnen habe ich dann doch zur Arbeit runter- oder vom Feiern die Treppe hochlaufen sehen, als ich um 4 Uhr morgens vor meiner Haustür saß. Ich wartete auf den Schlüsseldienst und wir sagten uns auf die gleiche höflich-distanzierte Art Dzień Dobry.

Wenn ich mit dir rede, meine ich die Eisschollen auf der Weichsel im kältesten Winter meines Lebens. Ich sehe Kopfsteinpflaster auf dem Marktplatz, klaustrophobisch enge Friedhöfe. Ich höre das beruhigende Klappern der alten, blauen Straßenbahnen. Ich rieche Weihrauch und Kerzenwachs und gebratene Zwiebeln. Ich höre „Mein Körper, meine Entscheidung“ aus zehntausenden Mündern. Ich denke an verdammt schnelles Internet.

Ich meine das Sofa meiner Großeltern, auf dem ich an Ostern im Fresskoma ausgestreckt lag, als vorerst Letzte in einer Reihe von Generationen auf strukturiertem Stoff, Hochzeiten, Ferien, Militärdienst in schwarz-weiß. Das gepunktete Sommerkleid meiner Oma, der skeptische Blick meiner Uroma Zuzanna. Würde sie anders schauen, wenn sie wüsste, dass ich Jahrzehnte später ihr Foto betrachten würde, weil ich ihretwegen heiße, wie ich heiße?

Wenn ich dich anspreche, sehe ich vor mir meinen täglichen Weg zum Polnischunterricht, die Zebrastreifen, den Drachen im Stadtschloss und die Schlangen vor den Läden vor 30 Jahren. Das sind die Schlangen, von denen mir meine Eltern erzählten. In denen sie frühmorgens stundenlang auf ein Stück Butter warteten. Wenn ich mit dir rede, rede ich von meiner Großmutter, die mir für die Rückfahrt nach Krakau eins von ihren fünf Stücken Butter mitgeben wollte, weil gestern ein Feiertag war, weil kein Laden auf sein würde und weil ich bloß nicht hungrig sein sollte. Die Läden hatten auf, die Zugfahrt dauerte fünf Stunden, ich esse kaum Butter, aber es geht ums Prinzip.

Ich rede mit dir, Polen, und ich weiß, ich habe dich erfunden. Du bist ein bunter Strauß von Secondhand-Erinnerungen, neuen Eindrücken und Grammatikfehlern. Deine Sprache macht mich fertig: Die Fälle, die Willkür, die Ausnahmen. Der Anspruch, Lehnwörter links liegen zu lassen und für alles eine polnische Version zu haben. Du willst keine Person, du willst eine osoba. Du willst keine Identität, du willst eine tożsamość. Du bist so eine Diva. Du warst meine erste Sprache und wenn man mich als Dreijährige auf Videoaufnahmen sprechen hört, habe ich deinen Akzent.

Du wirst zurzeit regiert von einer Partei, die mich wütend macht. Die frauen- und fremdenfeindliche Ansichten vertritt. Aber weißt du, was mich noch wütend macht? Die süffisanten Kommentare, bevorzugt aus dem Ausland, dass die Polen es mal wieder nicht gebacken kriegen. Dass die Polen jetzt eh alle rechtsextrem sind – zur Info, die Wahlbeteiligung lag bei der Parlamentswahl 2015 bei knapp 50%. Davon bekam die Partei Prawo i Sprawiedliwość knapp 37,5% der Stimmen. You do the math.  Es regt mich auf, dass es so einfach ist zu sagen, dass da drüben alles falsch läuft, dass es so gemütlich ist, sich an der politischen Lage eines anderen Landes aufzugeilen. Dass der Blick über die Grenze weniger ein neutraler Blick vom Westen in den Osten ist, sondern ein Blick von oben herab.

Du und ich, liebes Polen, wer auch immer du bist, gehen jetzt seit knapp zwei Monaten miteinander. Ich habe meine Stammbäckerei, meine Lieblingsbar und eine Liste von verhassten Grammatikphänomenen. Meine Lehrerin sagt, ich bin Polin. Mein Ausweis sagt, ich bin Deutsche. Ich sage: Co? Wenn ich an dich denke, denke ich im Plural. Ich denke an euch und an uns. Und, ganz ehrlich: Ich glaube, das mit uns ist was Längeres.

[EN]

Dear Poland,

I don’t even know how to address you. I talk to you and I don’t talk to you, I don’t talk about Warszawa or Wieliczka, because I’ve been to neither of those places. I don’t even mean Kraków or my area or my neighbours, because I don’t know them, because instead of names there are numbers on the doors. Though I have seen some of them, when they walked down the stairs to work, or when they walked them up after a hard night of drinking, while I was sitting outside my apartment at 4 am, waiting for the locksmith to arrive. When we glanced at each other and said Dzień dobry in the very same polite-but-distanced way.

When I talk to you, I talk about floes on the Wisła river in the coldest winter I’ve ever experienced. I see the cobblestone market square, I see claustrophobially arranged graves on the cemetery, I hear the rattle of the old, blue cable cars. I smell incense, wax and fried onions. I hear „My body, my choice“, proclaimed by tens of thousands of mouths. I think of my ridiculously fast wifi.

When I talk about you, I mean my grandparents’ couch I lay on during Easter break, dealing with my food coma, the youngest one of the generations spread out on the fabric. Weddings, holidays, military service in black and white. My grandmother’s dotted summer dress, the sceptical way my greatgrandmother Zuzanna looks into the camera. Would she look at me differently, if she knew that now, decades later, I would look at her picture? Her great-granddaughter, the one that carries Zuzanna’s name because of her?

When I talk to you, I see myself on my daily way to my Polish class, the zebra crossing, the dragon living in the Wawel castle, the queues going on for ages, right back into a reality 30 years ago. The kind of queue my parents used to tell me about, the ones they waited in from the early morning, for hours on end, just to get a cube of butter. When I talk to you, I talk about my grandmother, who insisted on giving me a butter for my journey back to Kraków, because yesterday was a holiday, because no shop would be open, because I mustn’t be hungry. The shops were open, the train took five hours and I barely even eat butter, but it’s a matter of principle.

I talk to you, Poland, and I know I made you up. You’re a pretty combination of secondhand memories, new impressions and grammatical mistakes. Your language kills me: the cases, the arbitrariness, the exceptions. Your demand to ignore loanwords, your insistence on your very own Polish version. You don’t want a person, you want an osoba. You don’t want identity, you want tożsamość. You are such a diva. You were my first language and when you hear three year old me talk in videos, I have your accent.

You’re being governed by a party that makes me angry. That’s misogynist and racist. But do you know what drives me mad as well? Smug comments, preferably from abroad, about how the Poles are messing it up again. That the Poles have turned to right wing extremists in their entirety – just so you know, the voter turnout was around 50%. The leading party Prawo i Sprawiedliwość got around 37,5% of the votes, you do the math. I am furious, because it’s so easy to say that over there everything is going down the drain. That it’s so easy to get oneself worked up about some other country’s political situation. That the look assessing that situation is not a look from West to East, but rather a look down.

You and me, dear Poland, whoever you are, have been seeing each other for roughly two months now. I have my go-to bakery, my favourite bar, my imaginary list of my most hated grammatical phenomenons. My teacher says I’m Polish. My ID says I’m German. I say: Co? When I think of you, I think of you as in plural you. I think of you and of us. And honestly: I think, we’re in it for the long run.

 

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