Thugs in Tights: “Kobiety Mafii” and the Female Side to Crime

[As always, English version below.]

In meiner Vorstellung sitzt der polnische Regisseur Patryk Vega abends vor seinem Schreibtisch, vor sich die Zehn Gebote. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht Ehe brechen. Dann nimmt er einen roten Stift und streicht jedes “nicht”, das ihm unterkommt. Zack, fertig. Der erste Entwurf für den nächsten Film steht.

Sein neuster heißt Kobiety Mafii (“Frauen der Mafia”) und könnte ähnliche Kritiken nach sich ziehen wie sein letzter Film, Botoks: überzeichnet, vulgär, unlogisch. Ich hatte geringe Erwartungen, als ich mit Popcorneimer und Notizbuch bewaffnet den Kinosaal betrat. Die Bilanz? Zweieinhalb Stunden Material, vier blutig endende Romanzen und acht Wege, einen Menschen zu töten, Details auf Anfrage. Subtil ist Vega nicht. Wenn er es doch auf die zarte Art versucht, endet das oft beunruhigend. In einer Szene tanzt ein Paar unbeholfen und ohne Musik. Auf dem Bett. In Straßenschuhen. Der wahre Horror lauert hier abseits gespaltener Schädel.

Breaking Polska

Aber ich habe mir Kobiety Mafii nicht angesehen, um mich vor Kitsch und Logikfehlern zu gruseln. Vielmehr hat mich der Titel ins Kino gelockt. Ich wollte herausfinden, welche Rolle die Frauen der Mafia zwischen Koks und Knarren auf Warschaus Straßen haben, ob sie handeln und führen, oder ob sie nicht mehr sind als hübsche Requisiten. Um das herauszufinden, wird ab diesem Zeitpunkt radikal gespoilert.

Zentral ist die Polizistin und V-Frau Bela (Olga Bołądź), die sich in den Gangster Artur verliebt. Der ist mit Ania (Katarzyna Warnke) verheiratet, dem Inbegriff des narzisstischen Püppchens. Weil diese zwischen Rum und Pillen nicht in der Lage ist, sich um ihren Sohn zu kümmern, macht das die Nanny Daria (Agnieszka Dygant), die später zur Anführerin eines Kartells wird. Viel wichtiger als die einzelnen Charaktere sind aber eigentlich die Rollen, die sie im Verhältnis zu anderen einnehmen: zur Mafia, zu Männern, zueinander.

In einer Welt, in der Moral und Menschenleben wenig wert sind, ist auch die Ehe alles andere als heilig. Gleich am Anfang treten die Ehefrauen auf einer Gala als Requisit auf. Gekleidet in feine Roben machen sie am Arm ihrer Gatten klar, dass auch Mitglieder des organisierten Verbrechens nicht frei von gesellschaftlichen Erwartungen sind. Gleichzeitig funktioniert das Label Ehefrau fast nur vor dem Hintergrund der Geliebten. Oft treffen beide Rollen auf die gleiche Person zu, zum Beispiel auf Bela oder Siekiera (Aleksandra Popławska), die Frau des sadistischen Speedy. Sie werden aber unterschiedlich interpretiert. Bela steht nach dem Sex mit Artur in der kleinen Duschkabine, murmelt ihr Mantra ich bin eine Hure vor sich hin und versucht, sich quasi rituell rein zu waschen. Siekiera tollt mit ihrem Liebhaber im weiten, offenen Mittelmeer, frei von Schuld und ihrem Gatten: Der Bruch des Neunten Gebots als Qual und Erlösung, Belastung und Befreiung.

Trauma sells

Das Publikum freut sich für die Frau, der die Flucht gelingt. Wenn ihr Peiniger in den Knast kommt. Wenn ihr Geliebter sie umarmt. Wenn er sie in Luxushotels entführt. Wenn sie sieben junge, starke Männer dazu auffordert, ihren Mann mit Hämmern zu erschlagen und die plumpen Werkzeuge seinen blanken Schädel zermatschen. Was hier radikal klingt, ist in Kobiety Mafii die normale Entwicklung weiblicher Charaktere. Beziehungsweise die der weiblichen, aktiven – starken? – Figuren. Auch Daria und Bela nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, agieren und richten. Alle drei mussten traumatisierende Misshandlung und Folter erfahren, oft verstärkt durch einen pfiffigen Spruch, den die Frauen den Tätern ins Gesicht lachten. Ich musste bei diesen Szenen oft an das Zitat von Margaret Atwood denken: “Men are afraid that women will laugh at them. Women are afraid that men will kill them.”

Dass der Film explizit Gewalt zeigt, geschenkt. Wie sehr er sich im Missbrauch von Frauen suhlt, wie leichtfertig Vergewaltigung als Indiz für fiese Typen genutzt wird, ist allerdings beispielhaft für das nachlässige Drehbuch: Anstatt einer Figur eine nachvollziehbare Hintergrundgeschichte zu geben, bekommt sie ein Rachemotiv, das mal zielgerichtet – ich erinnere an den Hammer – und manchmal, wie bei Daria, komplett wahllos in einen blutigen Exzess ausartet. Vega inszeniert weibliche Stärke als Rache, als Wut und als Konsequenz von Leid. Nur, wenn Frauen diese Gefühle in Gewalt verwandeln, können sie erfolgreich sein wie die Männer. Aber: Das geht nur allein. Während die Männer im Rudel auftauchen, sind Frauen für sich. Von weiblicher Solidarität keine Spur, ganz im Gegenteil. Verrat und Intrigen stehen an der Tagesordnung. In Vegas Welt sind Frauen gefährlicher als Männer: resistenter, hinterhältiger und vor allem immun gegen ein pralles Paar Brüste.

Wütende Sexmaschinen

So überzeichnet die Frauen auch sind: Eine Hommage an den Mann ist der Film ebenso wenig. Hypermaskulin, schwanzgesteuert und dominant tritt er auf, verliert bei einer hübschen Frau erst alle Sinne und dann jede Gnade, sollte sie einen Witz über seinen Penis machen. Als einziger Gegenentwurf scheitert Siekieras Geliebter: Ein leidenschaftlicher Tänzer, der seiner Frau ein besseres Leben ermöglichen will, der mit sich hadert und nicht jederzeit sexuell verfügbar ist. Ihre Antwort? “Du bist einfach zu weich, um ein Gangster zu sein.”

Wenn Patryk Vega einen Film dreht, dann spritzt Blut, fallen Hüllen und dann wird Sünde zelebriert. Katharsis für das Kinopublikum, das heimgeht, kuschelt und Tee trinkt. In diesem Film, der die emotionale Bandbreite ganzer Telenovelas abdecken will, gibt es für Frauen erstaunlich viele Rollen. Aber der Film heißt nun einmal nicht Kobiety, sondern Kobiety Mafii. Und die Mafia ist kein weibliches Pflaster, sondern erhebt Wut, überzogene Maskulinität und Potenz zu neuen Geboten, schwarz auf weiß, Blut auf Asphalt. Für Nuancen ist da wenig Platz.

[EN]

In my imagination the Polish director Patryk Vega is sitting at his desk at night. He’s taking a close look at the Ten Commandments. You must not kill. You must not lie. You must not commit adultery. Then he takes a red pen and crosses out every “not” he encounters. Done. The first draft for the next film is good to go.

His newest one is called Kobiety Mafii (“Women of the Mafia”) and could evoke similar reactions to his last one, Botoks: exaggerated, vulgar, illogical. I didn’t expect much when I entered the cinema hall, equipped with a popcorn bucket and a notebook. The result? Two and a half hours of material, four tragically ending romances, eight ways to kill a person, details on demand. Vega is not exactly subtle. If he does try to shoot in a more tender way, the result can be unsettling. In one scene, a couple dances clumsily, no music is playing. On the bed. In shoes. Here, the real horror is beyond broken skulls.

Breaking Polska

But I didn’t watch Kobiety Mafii to get a good scare out of kitsch and plotholes. I was intrigued by the title. I wanted to find out who the Women of the Mafia are. What role they play between coke and guns on the streets of Warsaw, if they lead and act. Or if they are not much more than arm candy. To figure that out, from now on I will use spoilers mercilessly.

Bela (Olga Bołądź) is the protagnist. She’s an undercover cop who falls in love with the drug dealer Artur. He’s married to Ania (Katarzyna Warnke), the epitome of a narcissistic doll. In between rum and pills she’s not able to take care of her son, so that’s where Daria  (Agnieszka Dygant) comes into play – the nanny gone cartel leader. But the characters are not that interesting themselves. To me, it’s way more important to see what relation they have to the mafia, to men and themselves.

In a world indifferent to moral and people, marriage is everything but holy. Right at the beginning wives attend a gala, basically being their husbands’ props. Dressed in finest fabrics they still indicate that even if you’re a high ranking cartel member, you are not free of social conventions. At the same time the level wife practically only exists in combination of its counterpart concubine. Those terms are not mutually exclusive. Bela and Siekiera (Aleksandra Popławska), the wife of the sadist Speedy, both fall into this category. They’re displayed very differently. After having sex with Artur, Bela feels miserable, repeating her mantra I’m a whore, confined by a tiny shower cubicle, washing herself clean. Siekiera, on the other hand, takes a swim in the open Mediterranean, her lover by her side, free from guilt or her abusive husband. Breaking the Ninth Commandment as torture and redemption, burden and liberation.

Trauma sells

The audience cheers for the woman that manages to escape. When her abuser is imprisoned. When her lover hugs her. When he takes her to expensive resorts. When she tells seven young, strong men to beat her husband to death with hammers. When the primitive tools turn his shiny head to mush. This may sound radical, but it’s actually the common development for female characters in Vega’s film. Or, for female characters considered active and – strong? Daria and Bela want to be in charge of their lives, they act and judge. All three women had to suffer traumatising cruelty, frequently catalysed by a sassy comment uttered to their abusers. Scenes like these made me think of a Margaret Atwood quote: “Men are afraid women will laugh at them. Women are afraid that men will kill them.”

The film resorts to explicit depictions of violence, okay. But the way it wallows in female pain, how easily rape is used as an indicator for the bad guys is representative for the lazy script: Instead of giving a proper story to a character, a raging thirst for vengeance is imposed upon her. Sometimes it is clearly directed – I remind you of the hammer – and sometimes it turns into a senseless killing spree. Vega shows female strength as vengeance, as anger and as a consequence of suffering. Only when a woman can take those feelings and use them to reproduce violence she can be as successful as men. But: She has to do it alone. While men show up in packs, women keep to themselves. Female solidarity is nowhere in sight, treason and schemes dominate their interactions. In Vega’s world women are more dangerous than men: more resistent, more malicious and – this is crucial – immune to a firm pair of boobs.

Angry Sex Machines

However caricatured women might be: the film is not exactly a compliment to men, either. They are hyper-masculine, dick-driven and aggressive. A pretty woman turns them into idiots, a joke about their penis turns them into monsters. The only character countering this trope is Siekiera’s lover. He’s a passionate dancer, wants to offer his girl a better life, doubts himself and is not always sexually available. How does his lover react? “You’re just too soft to be a gangster.”

Whenever Patryk Vega makes a film, blood spills, clothes rip and sins rule. Cathartic for the audience that leaves, cuddles and drinks a cup of tea. This film spans the emotional scope of a telenovela and offers a surprising amount of roles for women. But this film is not called Kobiety, but Kobiety Mafii. And the mafia is a hyper-masculine place that elevates rage, potency and dominance to new commandments. Black on white, blood on asphalt, with little space for nuance.

 

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